"Danke Jack" - Die Parabel vom Schmerz

January 15, 2017

 Es war lange her, doch sie erinnerte sich genau. Es war einer dieser Tage, an denen ihr alles sinnlos erschien. Sie fühlte sich im Stich gelassen, verlassen, am Boden zerstört, nur noch Schmerz und Trauer waren in ihr. So viel Schmerz, dass sie meinte, ihn nicht mehr ertragen zu können. Sie wusste nicht mehr, wohin sie sich wenden sollte, an wen sie sich lehnen könnte, um den Schmerz für einige Minuten nicht ertragen zu müssen. In ihrer hilflosen Verzweiflung wünschte sie nur noch, es wäre alles nicht wahr, es würde bestimmt ein Wunder geschehen und alles wieder gut werden. Sie wollte nur noch laufen, laufen, weg, nur noch weg!

 

Und da begann sie zu laufen…

 

Sie verließ das Haus und lief, immer weiter, nur fort, nur fort von dem Schmerz. Doch wie weit sie auch ging, der Schmerz blieb. Er haftete an ihr und wie schnell sie auch lief, er hielt immer Schritt mit ihr. Sie konnte schreien, weinen, um sich schlagen, betteln, er war immer da, begleitete sie auf Schritt und Tritt.

 

Immer wieder blieb sie stehen, beschimpfte ihn, versuchte auf jede nur erdenkliche Weise ihn los zu werden. Sie sang laut, tanzte, weinte, schlug um sich, bettelte und bat ihn zu gehen, … er blieb.

 

Mit der Zeit gewöhnte sie sich an ihn. Er war ihr ständiger Begleiter, fast als wäre er eine zweite Person, die neben ihr herging. Sie konnte mit ihm sprechen, ihm alles erzählen, was ihr am Herzen lag, was sie bedrückte, wütend machte und auch die Dinge, die sie freuten und glücklich machten. Und fast hatte sie das Gefühl, als würde er ihr antworten.

 

Je weiter sie gingen und je besser sie ihn kennen lernte, desto realer erschien er ihr. Sie begann ein Gesicht zu sehen, eine Figur und gab ihm schließlich sogar einen Namen. Der Name Schmerz gefiel ihr nicht, deshalb nannte sie ihn Jack. Warum er ein ER war, wusste sie nicht. Jack gefiel ihr und ihre Freundschaft gab ihr das Gefühl nicht allein zu sein. Er schlief neben ihr, wachte neben ihr und wenn sie ihn anlächelte, schien es ihr, als lächelte er zurück.

 

Es fiel ihr lange Zeit nicht auf, doch irgendwann bemerkte sie, es war nicht mehr dieser reißende Schmerz in ihr, den sie spürte, eigentlich war gar kein Schmerz mehr da. Jack war ein anderer geworden, er hatte sie begleitet, vom ersten Augenblick des Schmerzes, bis jetzt. War an ihrer Seite gewesen und hatte sie begleitet, während ihr Herz Stückchenweise wieder heil geworden war. Er hatte ihr geholfen, sie nicht allein gelassen, sie sanft und ruhig ihren Weg gehen lassen.

 

Und als sie dies erkannte, konnte sie endlich stehen bleiben und ihn ansehen, ihm direkt ins Gesicht blicken. Und erstaunt erkannte sie die Schönheit, das Leuchten und die Klugheit, die er ausstrahlte.

Wärme und Liebe flossen zu ihr und sie spürte sie warm in ihrem Herzen.

 

Und zum ersten Mal sprach er und sagte zu ihr: „Mein Name ist nicht Jack, mein Name ist aber auch nicht Schmerz…, doch darfst du mich nennen, wie du möchtest. Nur eines sollst du wissen, ich war und werde immer an deiner Seite sein. Du magst mir viele Gesichter und Namen geben. Du wirst mich mal als Trauer, Schmerz, oder Wut sehen, doch nach einer gewissen Zeit wirst du bemerken, dass sich mein Gesicht verändert und du wirst erkennen, ich bin nicht Schmerz, ich bin Freude, ich bin nicht Zorn, ich bin Friede, ich bin nicht Angst, ich bin Liebe. Jede Herausforderung deines Lebens wird dir am Ende zeigen, wer ich wirklich bin und sie wird dir zeigen, wer du wirklich bist, denn du bist ich und ich bin du und du wirst erkennen, aus Schmerz wird Freude, aus Zorn wird Friede und aus Angst wird Liebe. Das ist der Zyklus des Lebens, das ist der Weg, auf dem du gehst. Das ist der Sinn deines Lebens. Und jedes Mal, wenn du wieder ein Stück dieses Weges gegangen bist, wirst du mich besser kennen lernen und du wirst dich besser kennen lernen und eines Tages, wirst du dich ganz erkennen, alles, was du bist und was dich ausmacht und dann wirst du mich als Spiegel nicht mehr brauchen, denn du wirst bewusst sein, dich schön, ganz und vollkommen fühlen,  … so wie ich dich bereits jetzt sehen kann.“

 

Danke Jack!

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